PLATZ IST DA!
ES KOMMEN WIEDER FLÜCHTLINGE. IN DER FRÜHEREN LANDESTELLE UNNA-MASSEN IST WIEDER LEBEN EINGEKEHRT.
Seit 4 Jahren stand am in Unna-Massen am östlichsten Rand des Ruhrgebiets eine kleine Stadt - gebaut für bis zu 4000 Flüchtlinge, leer.
Jetzt werden in einem Teilbereich wieder bis zu 500 Asylsuchende untergebracht. Noch wäre reichlich Platz für weitere Menschen in Not.
Doch das Land NRW in dessen Besitz sich die ehemalige „Landesstelle für Aussiedler, Zuwanderer und ausländische Flüchtlinge in NRW“ befindet wird sich mit der Stadt Unna nicht einig über die zukünftige Nutzung.
Sogar ein Streit vor Gericht wird ausgefochten - und das zu einer Zeit in der viele Kommunen nicht wissen, wo sie die rasant ansteigende Zahl von Asylsuchenden - vor allem aus dem Bürgerkriegsgebieten wie Syrien, Ethiopien oder Afghanistan, unterbringen sollen.
Filmemacher Horst Herz hat sich mehrere Monate vor Ort umgesehen.
Mit dem ehemaligen Leiter der Einrichtung Siegfried Pogadl macht er einen Rundgang durch die größtenteils leerstehenden Wohnanlagen.
In der nun vom Roten Kreuz neu eingerichteten „Ersatzerstaufnahmeeinrichtung“ begegnet er Nader. Der junge Sozialbetreuer versucht engagiert den Neuankömmlingen aus den Krisengebieten der Welt beizustehen und neben der Bewältigung von ganz praktischen Dingen auch noch auf die seelischen Wunden zu achten. „Einfach da sein und zu hören. Das ist wichtig“, sagt er.
Aber vor allem kommen die Flüchtlinge selbst zu Wort.
Zwei Familien aus Syrien berichten von den Bombenangriffen und der Angst auf die Straße zu gehen, weil man nie weiß von welchem Heckenschützen man umgebracht wird.
Ein Kurde aus Syrien, der nach 14 Jahren in Deutschland bei einem Besuch seiner Mutter verhaftet und vier Monate im Gefängnis gefoltert und anschließend zum Militärdienst gezwungen wurde, erzählt von den Kriegsgreueln in Syrien und der Hoffnung in Deutschland aufgenommen zu werden. Nach seiner 4-jährigen Odysee will er endlich wieder in Frieden und ohne Gewalt leben können.
Angst vor dem langen Arm der Geheimdienste hat auch eine Flüchtlingsgruppe aus dem Iran. Für die Lehrer, Designer, Filmemacher, Journalisten sind die Repressionen des iranischen Regimes nicht mehr zu ertragen. Obwohl sie in ihrem Heimatland keine materielle Not erleiden mussten haben sie alles hinter sich gelassen. „Wir wollen Freiheit – nur Freiheit! Wir wollen dass die Welt von den Zuständen im Iran erfährt. Helfen Sie unserem Volk!“.
Zu Wort kommen auch Angehörige der Roma aus Mazedonien. Sie erzählen anhand vieler Beispiele von Rassismus und Diskriminierung dieser Minderheit Europas. Katastrophale Unterkünfte in den Ghettos am Rande der Stadt, mangelnde medizinische Versorgung, Chancenlosigkeit der Kinder auf Bildung und vor allem keine Arbeit und wenn dann für einen Stundenlohn von 1 Euro. Ergebnis ist unvorstellbare Armut. Jede Form von Leben bei uns scheint ihnen besser. Die vage Hoffnung für ihre Kindern eine bessere Zukunft zu finden, ist die treibende Kraft immer wieder zu versuchen in Deutschland aufgenommen zu werden. Und sei es nur für ein paar Monate oder für ein Jahr.
Stellvertretend für die schwarze Bevölkerung Afrikas: Emanuel und sein Freund aus Ghana. Nicht nur dort werden Homosexuelle per Gesetz zu Freiwild erklärt. Doch nach all dem Schrecklichen sprechen wir jetzt einmal nur über unsere Lieblingsgerichte.
Filmemacher Horst Herz: „Die Dreharbeiten waren sehr zeitaufwändig und schwierig. Verständlicherweise hatten fast alle Flüchtlinge Angst sich vor der Kamera zu äußern. Zum ersten Mal mit Deutschland konfrontiert wissen sie nicht was auf sie zukommt. Das Asylverfahren wird erst eröffnet. Wir haben uns tagelang mit der Kamera einfach auf den Platz vor den Flüchtlingsunterkünften gesetzt ohne zu drehen, ohne etwas zu wollen. Niemand wurde ohne sein vorheriges Wissen gefilmt. Selbst bei einer Malaktion der Diakonie für die vielen Kinder haben wir uns daran gehalten.
Wir haben die Nachricht verbreitet: Wer uns etwas erzählen möchte kann zu uns kommen. Und einige haben ihren ganzen Mut zusammen genommen und sind gekommen!"
Nach 2-7 Tagen des langen Wartens und der Ungewissheit geht für die Asylsuchenden die lange ruhelose Reise weiter.
Horst Herz:
"Hilflos blicke ich auf die vielen SMS die mich erreichen. Die syrische Familie schreibt: Statt in die Nähe der Verwandten bei Bielefeld sind wir in einer Turnhalle in Hamburg gelandet oder unsere Dolmetscherin schickt eine Mail: „am Samstag hat mich ein Notruf der Frau ereilt. Sie sind in Bayern, München in der Bayern-Kaserne gelandet, also statt nach Münster zum Bruder dorthin verfrachtet worden. Sie haben Angst vor dem serbischen Wachpersonal, deswegen rief sie mich an. Wie mir gerade ein bayrischer Beamter vor Ort erklärte, sei alles zum Besten. Die Frau würde ständig Extras fordern wie Putzmittel, sich über das Essen beklagen etc., es sei hier schließlich kein Luxushotel!“..
Ein paar Meter neben der „Ersatzerstaufnahmeunterkunft“ inmitten der parkähnlichen Grünanlagen: eine komplette leerstehende Wohnsiedlung für hunderte von Flüchtlingen - erst in den 90ern im modernsten Standard gebaut. Das Gras wuchert über den Balkonen, behindertengerechten Eingängen, Spielplätzen und Sitzbänken.
Während der frühere Landesstellenleiter etwas von Ressourcenverschwendung, die Eignung der Häuser um weitere Flüchtlinge unterzubringen und von ausstehenden politischen Entscheidungen spricht, wird mir irgendwie kalt und ich wünsche mir mit den neuen Freunden aus Ghana in der Sonne zu sitzen und einfach nur noch zu vergessen wie mit diesem Ort umgegangen wird und wer dafür eigentlich verantwortlich ist.
Und ich ertappe mich bei den Gedanken: was der Bau und der Unterhalt dieser kleinen Stadt so gekostet hat und kostet und dass dies doch eigentlich öffentliches Eigentum ist – also auch meines und derjenigen die diesen Film sehen...“